Kolumne Nachhaltigkeit
md Magazin
Interior | Design | Architekture
Ausgabe November/Dezember 2025
Kolumne InteriorPark. auf Seite 16 – 17
Wie viel Dynamik verträgt die Architektur?
DAS LABOR DER WIDERSPRÜCHE
Im November vor zehn Jahren sprach der italienische Architekt und Forscher Carlo Ratti in unserem damaligen Stuttgarter Store über „Senseable Cities“. Seine Ideen verbanden wissenschaftliche Präzision mit einer ansteckenden Portion Optimismus. Technologie, so Ratti, könne helfen, Städte smarter, gerechter und lebenswerter zu gestalten. Heute, ein Jahrzehnt später, hat sich die Welt verändert – und mit ihr unser Blick auf die Zukunft.
Als Kurator der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig stellte Ratti die Schau unter das Motto „Intelligens. Natural. Artificial. Collective.“ – ein bewusst offenes Konzept, das Architektur als lebendes Labor versteht. Sein Credo: Architektur müsse so flexibel und dynamisch werden wie die Welt, für die wir entwerfen. Doch wieviel Dynamik ist möglich in gebauten Realitäten?
UNBEQUEME WAHRHEITEN
Gleich zu Beginn der diesjährigen Hauptausstellung im Arsenale empfängt die Besuchenden eine Installation der Klimaengineering-Profis von Transsolar: In einem abgedunkelten Raum rattern Klimageräte, die wir alle kennen – jene grauen Kästen, die an immer mehr Fassaden hängen. Sie stehen für ein System, das Komfort erzeugt und zugleich das Klima aufheizt. Sinnbildlich und erlebbar wird hier der Bezug zwischen Innen und Außen: Drinnen wird gekühlt, draußen glüht die Luft. Die Installation führt uns mitten hinein in eine unbequeme Wahrheit: Der thermische Komfort der einen, erzeugt die Unbewohnbarkeit der Welt der anderen. Architektur als Spiegel sozialer und klimatischer Ungleichheit.
DREI THEMENFELDER
Der anschließende Rundgang durch die Themenfelder Natural, Artificial, Collective zeigt einen „Insalata Mista“ möglicher Zukünfte – und entlarvt zugleich unsere Gegenwart.
Im Bereich Natural präsentiert die Biennale Materialien, die uns längst vertraut sein sollten: Holz, Lehm, Seegras, Pilzmyzel, Algen als auch Ziegel aus Elefantendung. Sie werden gedruckt, gefügt oder wachsen – und erinnern daran, dass Innovation oft nur bedeutet, altes Wissen neu zu betrachten. Viele der „natürlichen“ Bauweisen sind weder neu noch utopisch, sondern erprobte Praxis – seit Jahrhunderten.
Im Bereich Artificial schlägt der Optimismus in Übermut um. Hightech-Lösungen versprechen zerstörte Ökosysteme digital zu reparieren: beispielsweise Korallenriffe aus geschredderten Muscheln in einzelnen Modulen 3D gedruckt – quasi als Reparaturkit. Der Aufwand ist gigantisch, der Nutzen fraglich. Passend dazu besagt eine aktuelle wissenschaftliche Studie, dass tropische Korallenriffe ihren Kipppunkt erreicht haben und nicht mehr zu retten sind. Hier kippt die Vision ins Absurde – denn mit Technologie allein lässt sich kein Ökosystem herstellen und auch kein ökologischer Schuldschein begleichen.
Beim Eintritt in den letzten Bereich, Collective, scheint die Luft dünn geworden – nicht nur bei den Besuchenden, auch bei den Ausstellenden. Der Raum ist kleiner, die Ideen zaghafter. Vielleicht, weil kollektive Verantwortung schwerer auszustellen ist als technologische Hoffnung.
Doch anstatt diese Prinzipien im Ausstellungskonzept selbst zu verkörpern, kommen hier wieder mal herkömmlich bedruckte Spanplatten zum Einsatz, auf die im Anschluss die thermische Verwertung wartet. Die Texte, auf Kniehöhe montiert, wurden immerhin von Künstlicher Intelligenz zusammengefasst.
UNBEANTWORTETE FRAGEN
Eine drängende Frage bleibt allerdings unbeantwortet: Warum gießen wir weiterhin Beton – immerhin der meistverwendete Baustoff der Welt – in Schalungen, ganz und gar unwiederbringlich und unflexibel. Wie können alternative Baustoffe und Techniken zum Mainstream werden? Doch die Lösungen auf diese Fragen werden sich nicht allein in „Intelligens. Natural. Artificial. Collective.“ finden, sondern im gesunden Menschenverstand und der Abkehr gängiger Praxis, die nach wie vor an fossilen und postkolonialen Machtstrukturen hängt.
Vielleicht fasst es eine Initiative im Arsenale am besten zusammen: HouseEurope! ruft uns zu: „We are fucked! You can change it!“ Ein Satz zwischen Resignation und Aufbruch – und vielleicht das ehrlichste Statement dieser Biennale.
Denn am Ende bleibt die Frage, die Transsolar mit seiner Installation so eindrücklich gestellt hat: Wie viel ist uns unser Komfort wert – und wer bezahlt den Preis dafür?




