Kolumne Nachhaltigkeit

md Magazin

Interior | Design | Architekture

Ausgabe November / Dezember 2023

Kolumne InteriorPark. auf Seite 42-43

HALTBARKEIT ALLEIN IST KEIN AUSDRUCK FÜR NACHHALTIGKEIT

WIE LANG IST LANGLEBIG?

Wann ergibt es Sinn, langfristig zu planen und zu bauen? Wann ist ein Abriss legitim? Eine einfache Antwort gibt es nicht, weiß Tina Kammer. Sie kritisiert zugleich viele Projekte, die heute immer noch nicht im Sinne der Kreislaufwirtschaft entstehen.

Die Skyline vieler Städte hat sich verändert. Sie ist nicht geprägt von aufragenden Hochhäusern, sondern von Baukränen, die sich wie Skulpturen in den Himmel räkeln. Betrachtet man die Bauprojekte, für die sie verantwortlich sind, stellt sich schnell die Frage nach deren Sinnhaftigkeit. Da gibt es baufällige Gebäude, deren Substanz in einem so desolaten Zustand ist, dass sie als Totalschaden durchgehen. Aber da gibt es ebenso die Gebäude, deren Lebenszyklus offensichtlich noch nicht beendet scheint. Die für eine längere Nutzung geplant wurden und die jetzt der Abrissbirne zum Opfer fallen. Dabei wären wenigstens Skelett und Rohbau für weitere Jahre nutzbar. Ganz zu schweigen von der grauen Energie, die durch einen Abriss freigesetzt wird.

Langlebigkeit ist nicht immer sinnvoll und manchmal sogar sinnlos. Unsere schnelllebige Welt steht ständigen Veränderungen gegenüber: Lebens- und Arbeitsumfeld wandeln sich und die Anforderungen an eine gebaute Umwelt mit ihnen. Ist es also sinnvoll nach wie vor langlebige Strukturen zu planen, deren Lebenszyklus von Anfang an nicht klar definierbar ist? Könnten veränderbare, modulare Entwürfe nicht besser auf die Eventualitäten reagieren, denen sich ein Gebäude stellen muss? Ein Abriss und anschließendem Neubau mit ähnlichen, aber eben nicht gleichen Anforderungen wären dann vermeidbar. Das spart wertvolle Ressourcen, eine Menge Treibhausgasemissionen und nebenbei auch Geld.

BETRACHTUNG DES GESAMTEN ZYKLUS

Heutzutage müssen sich Architektur und Design daran messen lassen; welche Auswirkungen sie auf Natur und Menschen haben. Die Transformation zur Kreislaufwirtschaft bedeutet die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus eines Produktes bzw. eines Materials. Bereits in der Entwurfsphase muss das Ende mitgedacht werden – unabhängig davon, ob etwas kurz- oder langlebig sein soll. Bei all diesen Überlegungen kommt es darauf an, was am Ende des Lebenszyklus mit einem Produkt geschieht. Können seinen Bestandteilen ohne Qualitätsverlust in den Materialkreislauf zurückgeführt werden oder nicht? Im Nachhaltigkeitskontext scheint Langlebigkeit ein immer wieder gern genutztes Argument.

Aber wollen wir überhaupt langlebig? Wollen wir so leben, wohnen, arbeiten wie vor 50 Jahren? Wohl kaum. Insofern sollte sich die gebaute Umwelt an die geänderten Wünsche anpassen können. Das gilt auch im größeren Maßstab für Städte und deren Mobilitätskonzepte. Im kleineren sind diese Überlegungen in der Innenarchitektur, beispielsweise für Büros, Retail Design, Messen oder Events, relevant.

Arbeitswelten sind einem stetigen Wandel unterzogen. Ladenbaukonzepte werden üblicherweise für fünf bis acht Jahre angedacht. Messen und Events überdauern einige Tage oder nur einen Abend. Ist es notwendig dafür langlebige Räume zu planen? Materialien und Produkte zu verbauen, die für jahrzehntelange Nutzung konzipiert wurden? Statt zerlegt, überarbeitet, repariert, umverteilt und eingelagert zu werden, landen sie realistisch betrachtet häufig im Müllcontainer.

Am Anfang jeder Planung sollte deshalb die Frage stehen: Wie lange muss etwas halten? Wie wird es genutzt? Was passiert am Ende mit den verbauten Materialien und Bauprodukten? Das abgebildete Beispiel der siebentägigen Pop-up Installation für das Unternehmen JUNG auf der Mailänder Design Week 2023 wurde in Anbetracht der kurzen Nutzung mit kurzlebigen, kreislauffähigen Materialien geplant. Die handbemalten Wände und der verlegte Boden bestanden aus recyceltem Karton und konnten nach der Nutzung wieder dem Papierrecycling zugeführt werden. Temporär genutzte Lagerboxen kommen anschließend wieder in der Produktion zum Einsatz. Weiteres Mobiliar wird eingelagert, um bei der nächsten Messe erneut zum Einsatz zu kommen. Für die Besucher:innen macht es keinen Unterschied. Sie haben das gleiche Raumerlebnis.

Ob etwas für die Langlebigkeit bestimmt sein sollte, ist also von der Nutzung abhängig. Langlebigkeit allein ist kein Ausdruck für Nachhaltigkeit. Was muss wie langlebig sein? Macht es wirklich Sinn, Produkte für einen einmaligen oder kurzweiligen Gebrauch zu planen und zu produzieren, sodass sie für die „Ewigkeit“ halten? Denn die werden sie nicht erleben.