Kolumne Nachhaltigkeit
md Magazin
Interior | Design | Architekture
Ausgabe Juli/August 2026
Kolumne InteriorPark. auf Seite 42-43
Mithilfe der richtigen Fragen Narrative auflösen
GANZ EINFACH! … ODER?
Wir lieben einfache Wahrheiten. Sie geben Orientierung; reduzieren Unsicherheit und liefern schnelle Antworten. Doch gerade in der Baupraxis werden aus vermeintlichen Gewissheiten schnell Narrative, die einer kritischen Prüfung selten standhalten.
Ein Beispiel für dominante Narrative ist die beinahe reflexhafte Gleichsetzung von Holz und Nachhaltigkeit. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, zweifellos. Doch Nachhaltigkeit erschöpft sich nicht in der Frage, ob etwas nachwächst. Je nach Baumart vergehen zwischen 40 und 80 Jahren bis zur Erntereife. Gleichzeitig endet die Nutzung vieler Holzprodukte bereits nach wenigen Jahren, bevor sie in der thermischen Verwertung landen. Die Frage müsste daher lauten: Entspricht die Nutzungsdauer eines nachwachsenden Materials mindestens seiner Wachstumsdauer? Wie lässt sich eine Anschlussnutzung planerisch ermöglichen?
Hinzu kommt die oftmals ausgeblendete Ressourceneffizienz durch hohen Verschnitt. So liegt die Endausbeute bei der Herstellung von Brettschichtholz bei nur etwa 40 %, was im Umkehrschluss einen Rohstoffverlust von 60 % bedeutet. Auch das gehört zur Wahrheit nachhaltiger Materialbetrachtungen. Gleichzeitig erhalten Rohstoffe, die teilweise in nur wenigen Monaten erntereif sind und dabei höhere CO₂-Speicherpotenziale aufweisen, wie beispielweise Hanf, Flachs oder Seegras, nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der Kreislaufwirtschaft.
KREISLAUFFÄHIGKEIT HINTERFRAGEN
Noch vor wenigen Jahren wurde nahezu jedes Produkt als „klimaneutral“ vermarktet. Heute lautet das Versprechen „kreislauffähig“. Doch zwischen Marketing und Realität klafft oft eine erhebliche Lücke. Der Einsatz von Rezyklaten bleibt vielfach gering. Rücknahmesysteme existieren nur vereinzelt und zu selten wird nachvollziehbar dargelegt, wie die Rückführung von Produkten nach der Nutzung in Stoffkreisläufe tatsächlich funktioniert.
Nachhaltige Planung beginnt nicht bei der Materialwahl, sondern bei den Fragen, die wir stellen. Die Begriffe, die wir verwenden, prägen die Art, wie wir über Nachhaltigkeit nachdenken und welche Maßnahmen wir für ausreichend halten. Damit schafft unsere Sprache auch Realitäten in gebauter Umwelt.
INNENARCHITEKTUR ALS IMPULSGEBER
Anders als viele Architekturprojekte mit langen Entwicklungs- und Realisierungszeiträumen, kann Innenarchitektur als unmittelbares Experimentierfeld nachhaltiger Gestaltung wirken. Entscheidungen über Materialien, Nutzungskonzepte oder Umbaufähigkeit können bereits nach kurzem Lebenszyklus wirken. Der entscheidende Hebel liegt jedoch noch vor dem Entwurf. Nachhaltigkeit beginnt dort, wo Bedarfe hinterfragt werden. Welche Flächen sind erforderlich? Wie definieren wir Funktionen und welche können die Auslastung von Räumen ermöglich? Die wichtigste Ressource ist häufig nicht das Material, sondern die vermiedene Materialmenge.
Damit gewinnt die sogenannte Leistungsphase Null (hier sei auch der aktuelle Bericht der Bundesstiftung Baukultur zu erwähnen) zunehmend an Bedeutung. In einem partizipativen Prozess werden Bedürfnisse ermittelt, Nutzungsszenarien entwickelt und Anforderungen gemeinsam definiert. Dabei treten Planende mit Nutzerinnen und Nutzern in einen Dialog auf Augenhöhe. Ziel ist nicht die perfekte Inszenierung eines Raumes, sondern die Entwicklung eines Ortes, der sich aneignen lässt, langfristig funktioniert und Veränderungen zulässt. Dann ist auch das Budget klug eingesetzt.
Nutzungsoffene Grundrisse, flexible Raumstrukturen und eine hohe Anpassungsfähigkeit sind dabei weit mehr als funktionale Qualitäten. Sie sind zentrale Nachhaltigkeitsstrategien. Denn Räume, die sich verändern können, müssen seltener umgebaut werden.
Während menschzentrierte Planung traditionell auf Komfort, Ästhetik, Wirtschaftlichkeit und die unmittelbaren Bedürfnisse des Menschen ausgerichtet ist, rückt eine umweltzentrierte Perspektive die Belastbarkeit natürlicher Systeme in den Mittelpunkt. Die Aufgabe der Innenarchitektur besteht auch darin, diese beiden Ansprüche miteinander zu verbinden.
BAUHERREN MITNEHMEN
Eine dieser Erzählungen lautet: Nachhaltiges Bauen ist teuer – und Bauherrinnen und Bauherren sind nicht bereit, dafür mehr zu bezahlen. Die Aussage hält sich hartnäckig, obwohl zahlreiche Projekte zeigen, dass nachhaltige Lösungen vor allem eine Frage der frühen Planung, der Lebenszyklusbetrachtung und der Prioritäten sind. Dennoch prägt sie weiterhin Entscheidungen und verhindert Innovation. Die oben genannten Faktoren können dazu beitragen, das zu ändern.
Während menschzentrierte Planung traditionell auf Komfort, Ästhetik, Wirtschaftlichkeit und die unmittelbaren Bedürfnisse des Menschen ausgerichtet ist, rückt eine umweltzentrierte Perspektive die Belastbarkeit natürlicher Systeme in den Mittelpunkt. Die Aufgabe der Innenarchitektur besteht auch darin, diese beiden Ansprüche miteinander zu verbinden.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung nachhaltiger Gestaltung: nicht nach einfachen Antworten zu suchen, sondern bessere Fragen zu stellen.




