Schwarzwälder Bote

zur Ausstellungseröffnung „Recycle or Die“

So kann Recycling richtig rocken

Von Jürgen Lück 04.05.2018 – 21:36 Uhr

Nachhaltigkeits-Expertin Tina Kammer (links) und Katrin Kinsler staunen über die kreativen Produkte wie die Pinnwand, gestaltet aus einem Tennisschläger. Foto: Hopp Foto: Schwarzwälder Bote

Horb. Pepe Sipple hält seinen „Alko-Pott“ hoch. Daneben die Flasche Bier. Echt praktisch, das Teil: Im Boden ist ein Alkoholmesser, der per App gleich sagt, wie viel Promille man intus hat. Im Glas steckt ein Strohhalm. So umgebaut, dass man ihn gleich als Flaschenöffner für das Bier nutzen kannst.

Nein. Es geht hier nicht ums Mini-Rock. Sondern Sipples Idee zeigt, das Recycling wirklich rocken kann. Denn: Die Schüler des technischen Gymnasiums der Jahrgangsstufe 1 in der Produktgestaltung der Berufsschule zeigen, was Nachhaltigkeit wirklich ist. Nämlich clever, überraschend, witzig, praktisch oder schick.

Am gestrigen Freitag war Vernissage mit 35 Objekten und Ideen. Und die Experten staunen, was die Schüler da geleistet haben. Tina Kammer von Interiorpark aus Stuttgart ist eine. Die gelernte Architektin empfiehlt auf ihrer Plattform Produkte, die wirklich nachhaltig sind. Sie sagt: „Wir sind dauernd auf Messen und Designausstellungen unterwegs wie in Mailand, wo es um nachhaltige Produkte geht. Das, was ich hier in Horb sehe, hat eine sehr hohe Qualität!“

Die Ausstellung. Sie ist ab sofort in den Räumlichkeit der Berufsschule zu sehen. Katrin Kinsler – selbst Künstlerin – und ihr Kollege Steffen Knobloch haben das Projekt angeschoben. Erst wurde Design studiert wie beispielsweise im Vitra Design Museum. Dann sich mit den Werkstoffen auseinandergesetzt. Bei der Firma Walter Knoll in Herrenberg gab es Einblicke in die Produktion.

Und das hat gefruchtet. Stolz serviert Alexa Cornelius ihr Taboo-Mensa-Tablett –­ mit Bechern. Die Schülerin: „Es besteht aus Bambusfasern und Maismehl – überzogen von einer Bienenwachsfolie. Ideal für Schnellrestaurants, denn das Tablett ist spülmaschinenfest und so mehrfach wieder zu verwenden. Dadurch entsteht weniger Müll. Und das Taboo ist auch noch biologisch abbaubar.“

Schicker, aber auch praktischer geht es am Skelett zu –­ Horbs next Top-Model. Passt zum Austellungsmotto: „Recycle or Die“. Also: Wiederverwerten oder sterben.

Das bis auf die Knochen abgehungerte Model trägt die witzige Upcycling-Mode von Lara Heinen, Luisa Roller und Annalina. Lara hat eine Handtasche gebastelt – aus alten Reifen, ein Sicherheitsgurt ist der Tragegurt, und die Ventile sind der Verschluss.

Annalina hat die mega-praktische Regenjacke gemacht. Aus gelber alter Lkw-Plane. Wird mit roten Bändern zusammengeschnürt zum Sitzkissen und den zwei Bändern einfach auf den Rücken zum Tragen gespannt.

Luisa hat aus Ritter-Sport-Verpackungen einen Rock genäht – mit Unterrock aus Tüll.

Katrin Kinsler und Kammer bewundern noch den Tennisschläger. Sorry, das Hallboard von Elia Schiller. Die Querseiten rausgebaut, die Längsseiten sind zum Zettel-Aufhängen. Und aufgeschnittene Tennisbälle die Stifthalter.

Echt kreativ. Und diese Ideen zeigen, wie man die Erde retten kann. Nachhaltigkeits-Expertin Kammer: „Der Erde oder der Umwelt ist es eigentlich egal, was wir machen. Wir Menschen müssen nachhaltig werden, um die Bedingungen für uns zu erhalten.“

Sie zeigt auf das Armband von Lehrer Steffen Knobloch: „Das ist ein Bracenet. Es wird aus Fischernetzen hergestellt, die unnütz im Meer herumschwimmen und das Öko-System schädigen. Inzwischen gibt es eine Industrie, die von diesen Netzen lebt. Fischer in Indonesien fischen die Teile aus dem Meer, weil es dort keine Fische mehr gibt. Der größte Teppichfliesenhersteller der Welt nimmt ihnen dieses Material ab –­ weil es günstiger als hochwertiges neues Nylon ist.“

Heißt auf Deutsch: Nur mit neuen Materialien für Produkte ist wirklich eine Wende hinzubekommen. Kammer zeigt eine Folie. Sie zeigt, was passiert, wenn alle Menschen auf einmal nicht mehr auf der Erde wären. Nach 300 Jahren stürzen die Stahlskelette der Wolkenkratzer in den Großstädten ein. Nach 10 000 Jahren die Steinbauten. Nach 30 Millionen Jahren sind dann endlich das Plastik und das Glas verschwunden… Kammer zu den Schülern: „Eure Werke für Recycle or Die haben mich beflügelt. Eure Ideen werden gebraucht.“